Der letzte Tag des ersten Jahrtausend neigt sich dem Ende zu. Ein kleines Mädchen wartet wie alle anderen auf den Weltuntergang. Auch wenn die Welt weiterhin besteht, wird knapp hundert Jahre später ein anderes Mädchen von ihrem gewohnten Leben Abschied nehmen müssen. Hildegard (Stella Holzapfel), das jüngste von zehn Kindern wird im Benediktinerkloster Disibodenberg der Äbtissin Jutta von Sponheim (Mareile Blendl) anvertraut. Liebevoll aber streng wird die Achtjährige von ihrer Ersatzmutter in die Regeln des Benediktinerordens eingeführt.

Eines Nachts wird Hildegard von merkwürdigen Geräuschen wach. Irritiert beobachtet sie, wie sich ihre neue Mutter geißelt, bis ihr Rücken voller blutiger Striemen ist. Diese Beobachtung wird noch durch eine grausame Entdeckung gesteigert, als kurz darauf die erwachsene Hildegard (Barbara Sukowa) am Totenbett der Äbtissin steht, um sie für die Bestattung zu waschen.

Als frisch gewählte Leiterin des Klosters räumt sie nicht nur mit unmenschlichen Praktiken wie der Geißelung auf, sondern setzt sich auch in anderen Dingen über den selbstherrlichen Abt Kuno (Alexander Held) hinweg. Mit der Devise nur Gott zu Gehorsam verpflichtet zu sein, erscheint die große Heilige manchem mittelalterlichen Zeitgenossen eher als Hexe. Trotz Widerstand von allen Seiten führt sie ihre Mitschwestern mit Humor und Weisheit an.

Als Hildegard ermuntert durch ihren Vertrauten, den Mönch Vollmar (Heino Ferch), das erste Mal öffentlich von ihren Visionen spricht, erreicht die Feindseligkeit des Abtes ihren Höhepunkt. Dass diese Frau ihre Gespräche mit Gott auch noch veröffentlichen will, erscheint ihm geradezu als Blasphemie!

Hildegard kämpft unerschrocken weiter. Erst die (platonische) Liebe zu ihrer jungen Mitschwester Richardis (Hannah Herzsprung) lässt sie verletzlich werden und führt zu einer fast tödlichen Krise…

Hildegard von Bingen ist vielen wahrscheinlich nur aus dem Bio-Laden bekannt. Dort schmückt die Figur der Ordensfrau aus dem Mittelalter Tee- oder Kekspackungen. Dabei ist die Äbtissin, Prophetin, Heilkundige und Komponistin eine der faszinierendsten und wichtigsten Frauenfiguren des Mittelalters.

Schon vor „Vision“ nimmt die Verbindung von starken Frauenpersönlichkeiten und historischem Hintergrund einen großen Stellenwert in Margarethe von Trottas Filmen ein. Auch ihr preisgekrönter Film „Rosa Luxemburg“ von 1986 handelt von einer revolutionären Frauenfigur, die ebenfalls von Barbara Sukowa verköpert wird. Die Regisseurin, die den deutschen Film über Jahrzehnte prägte, war übrigens schon bei Volker Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ als Co-Autorin und Co-Regisseurin dabei.

Die große heilige Hildegard von Bingen zur Heldin ihres jüngsten Werkes zu machen, ist ein mutiger Schritt. Die Schlichtheit und Enge eines Klosterlebens lässt auf den ersten Blick wenig Handlungsspielraum für eine spannende Biografie vermuten. Diese Einschätzung erweist sich jedoch als Irrtum, was vor allem der beeindruckenden Besetzung und Inszenierung zu verdanken ist.

Der renommierten Schauspielerin Barbara Sukowa („Berlin Alexanderplatz“, „Homo Faber“, „Die Entdeckung der Currywurst“) gelingt in der Rolle der Äbtissin Hildegard der Spagat zwischen Spiritualität und Bodenständigkeit auf eindrucksvolle Weise. Und als Hildegard angesichts einer antiken Bücherlieferung geradezu in Ekstase gerät wie Carrie aus „Sex and the City“ angesichts ein paar neuer Manolos, wirkt das herrlich erfrischend.

Die bedingungslose Liebe und Bewunderung, die ihr von der jungen Richardis entgegengebracht wird, ist für den heutigen Menschen vielleicht schwer nachvollziehbar. Hannah Herzsprung nimmt man diese „Besessenheit“ jedoch ab.

Margarethe von Trotta entführt den Zuschauer in ihrem opulent gefilmten Historienfilm in eine Welt, die den meisten völlig fremd ist. Gleichzeitig besitzt sie ein Gespür für zeitlose Konflikte innerhalb enger Gemeinschaften, so dass die Figuren für Vertreter des Mittelalters überraschend modern wirken.

Im Gegensatz zu den differenziert gezeichneten Frauenfiguren wirken die zentralen Männerrollen jedoch etwas schablonenhaft. Während sich die innere Zerrissenheit in den Handlungen und Gesichtern der weiblichen Rollen widerspiegelt, scheinen die Männer fest in zwei Gruppen eingeteilt. Der Abt Kuno repräsentiert das Böse, wenn er zum Beispiel einem inquisitorischen Verhör vorsteht oder Hildegards wissenschaftliche Arbeit nur aus Profitgier unterstützt. Heino Ferch dagegen stellt den Abt Vollmar mit einer provozierend engelsgleichen Sanftheit und Güte dar.

Eine Entwicklung oder innere Kämpfe finden bei den beiden nicht statt, vielmehr taugen sie nur als Katalysator für Hildegards Entwicklung. Schade nur, dass diese angesichts des Versuchs, das ganze Leben in 111 Minuten zu packen, im Galopp stattfinden muss. Die Konzentration auf einen entscheidenden Lebensabschnitt hätte dem Film mehr Tiefe verleihen können.

Wirklichen Einblick in die wissenschaftlichen und theologischen Arbeiten der Hildegard von Bingen gibt „Vision“ zwar nicht, dafür weckt das Bio-Pic die Neugier auf eine ungewöhnliche Frau, die ihre Ansichten mutig vertreten hat. Nicht umsonst kam Margarethe von Trotta auf dem Höhepunkt der Frauenbewegung vor über dreißig Jahren das erste Mal der Gedanke, Hildegard von Bingens Leben zu verfilmen.

In aller Kürze: Inhalt und Filmkritik
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Credits


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http://www.vision-derfilm.de (Offizielle Webpage, Deutschland)
IMDb-Infos (USA, D)


 
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Drama
Deutschland, Frankreich 2009
Ur-Aufführung D: 24.09.2009
Kinostart USA: 04.09.2009
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Länge: 111 min
FSK: ab 12
Regie: Margarethe von Trotta
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Darsteller: Barbara Sukowa#~2#~, Hannah Herzsprung#~2#~, Lena Stolze#~2#~, Paula Kalenberg#~2#~, Nicole Unger#~2#~, Mareile Blendl#~2#~, Annemarie Düringer#~2#~, Annika#~2#~, Katinka Auberger#~2#~, Matthias Brenner#~2#~, Christoph Luser#~2#~
Drama
Deutschland, Frankreich 2009
Ur-Aufführung D: 24.09.2009
Kinostart USA: 04.09.2009
Länge: 111 min
FSK: ab 12
Regie: Margarethe von Trotta
Darsteller: Barbara Sukowa, Hannah Herzsprung, Lena Stolze, Paula Kalenberg, Nicole Unger, Mareile Blendl, Annemarie Düringer, Annika, Katinka Auberger, Matthias Brenner, Christoph Luser